Was abgefrorene Fingerspitzen mit Mitglieder- und Delegiertenversammlungen zu tun haben

Auf einer Bike-Tour über diese Ostertage erzählt mir ein Kollege von einer Mitgliederversammlung, die er gerade erlebt hat. Nichts Spektakuläres, dachte ich zuerst. Keine Kampfabstimmung, kein offener Konflikt, keine bekannten Herausforderungen.

Und dann erzählte er, wie ein kleiner Lapsus in der Präsentation zur Jahresrechnung —  eine nicht aktualisierte Zahl —  am Ende den ganzen Vorstand abstraft, welcher sich ein Jahr lang ehrenamtlich engagierte.

Nicht, weil die Jahresrechnung als solche falsch war. Der Revisionsbericht lag vor. Und trotzdem: ein Moment der Unklarheit, ein sichtbarer Fehler, und die Stimmung kippte. Innerhalb von Sekunden.

Während wir weiter den Weg hochtrampeln, das prachtvolle Weisshorn als Kulisse, sinniere ich dem Erzählten nach.

Wer regelmässig in den Bergen unterwegs ist, staunte sicher schon selber mehrmals, mit welch erstaunlicher Naivität manche Menschen sich im alpinen Gelände bewegen: zu leichte Schuhe, zu wenig Reserve, zu viel Vertrauen in „wird schon“.

Und ich denke dabei manchmal: Dafür, dass man das so oft sieht, passiert zum Glück relativ wenig.

Bis eine Situation kommt, die einem zeigt, wie schnell der Wechsel von einer Schönwettertour in den Überlebensmodus kippen kann.

Wir wollten an dem Tag von der Schönbiel- zur Bertolhütte laufen, waren vorbereitet, haben das Wetter geprüft, waren zeitlich gut unterwegs. Doch unterhalb des Tête Blanche schlug das Wetter innert kürzester Zeit um: Whiteout. Null Sicht. Orientierung unmöglich, weil es im Gelände keine verlässlichen Anhaltspunkte mehr gibt, dazu starker Wind bei eisigen Temperaturen.

Was uns in diesem Moment geholfen hat, war etwas sehr Handfestes: GPS und eine die Routenplanung. Ohne das hätten wir den Weg durch dieses Weiss nicht gefunden. Es war ein sehr langer Weg den Gletscher runter Richtung Bertolhütte, viel länger als ich ihn aus vergangenen Touren in Erinnerung hatte — und von Zeit zu Zeit musste ich meine Überhandschuhe abziehen, um auf dem GPS unsere Route zu kontrollieren. Mit Folgen: Die Haut meiner Fingerspitzen waren danach abgefroren.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil sie „dramatisch“ klingen soll. Sondern weil sie einen Mechanismus zeigt, den ich in Sitzungszimmern genauso sehe: Es gibt Situationen, in denen die Rahmenbedingungen plötzlich so ändern, dass man ohne Orientierungssystem innert Minuten in Entscheidungen hineingerät, die man später bereut, wie an der Mitgliederversammlung, von der mein Kollege berichtet hat.

Die Ausgangslage war eigentlich solide: Jahresrechnung, Revision, Unterlagen – das Fundament stand. Und dann passiert vorne am Bildschirm ein Fehler in der Präsentation. Ein Detail, das objektiv korrigierbar wäre. Und dann entsteht dieser Reflex, den man später oft als „eigentlich war es nicht so gemeint“ beschreibt:

„Dann lehnen wir die Jahresrechnung halt ab.“

Viele Mitglieder und Delegierte sind sich in diesem Moment nicht bewusst, was sie damit auslösen können. Nicht aus bösem Wille, sondern weil prozessuale Zusammenhänge in der Hitze des Moments nicht intuitiv sind.

Denn das „Nein“ zur Jahresrechnung hatte zur Folge, dass automatisch auch keine Entlastung (Décharge) des Vorstands gab. Auf einmal steht mehr im Raum als die Frage, ob eine Zahl auf einer Folie korrekt war: Misstrauen, Frust, Folgeaufwand, Kommunikationsschäden.

Und damit sind wir beim Punkt, der mir bei dieser Geschichten am wichtigsten ist: der menschliche Preis.

Die "spontane" Entscheidung zur Ablehnung der Jahresrechnung traf alle Vorstandsmitglieder, die sich ehrenamtlich engagiert haben. Sie trifft auch die Revision, die Zeit hatte, nachzuprüfen, nachzufragen, zu kontrollieren. All diese Arbeit wurde durch einen dummen Fehler entwertet und für die Betroffenen fühlt es sich schnell an wie ein Schlag ins Gesicht — selbst wenn niemand im Raum genau das beabsichtigt hat.

Am Berg im Whiteout sagt auch niemand, jetzt gehen wir doch nach links, wenn das GPS nach rechts zeigt.

In Mitgliederversammlungen ist es im Kern dasselbe Bedürfnis: Prozessklarheit, bevor es kippt. Ein „GPS“, das nicht erst dann hervorgeholt wird, wenn man schon im Nebel steht und folgenschwere Entscheidungen getroffen werden

Wer in solchen Momenten gut vorbereitet ist, nicht erst dann nach Orientierung sucht, wenn die Stimmung bereits gekippt ist, der hat einen entscheidenden Vorteil. Nicht weil er alles vorhersehen kann. Sondern weil er weiss, wohin er in diesem Moment schauen muss.

Genau das ist der Ansatz, mit dem wir beim Zentrum für Verbandsführung arbeiten: Vorstände und Versammlungsleiter dabei unterstützen, kritische Fragen zu klären, bevor sie zur Belastung werden.

  • Was tun, wenn die Diskussion plötzlich eskaliert und zwei Versionen einer Zahl im Raum stehen?
  • Wie kommuniziert man die Konsequenzen eines Ja oder Nein so, dass sie im Moment nachvollziehbar sind — nicht erst im Nachhinein?
  • Welche Abstimmungsreihenfolge ist bei komplexen Varianten korrekt, damit später niemand die Gültigkeit des Entscheids anzweifeln kann?
  • Diese Fragen sind lösbar. Meist schneller, als man denkt — wenn man sie stellt, bevor der Whiteout beginnt.

Wir freuen uns, wenn wir im Sinne unseres Mottos beitragen dürfen, dass Non-Profit Organisationen gut arbeiten können und ihre Mitglieder- oder Delegiertenversammlung erfolgreicher stattfinden können – statt so zu enden, wie es mein Kollege heute auf der Bike-Tour berichtet hat.

Kontaktieren Sie uns einfach oder buchen Sie unverbindlich einen Termin.


Was abgefrorene Fingerspitzen mit Mitglieder- und Delegiertenversammlungen zu tun haben
ZfV - Zentrum für Verbandsführung AG, Martin Diethelm 15. April 2026
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